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Sonntag, 10. Juli 2016

Chronischem Erschöpfungssyndrom: biologische Indikatoren

Veränderungen in der Darmflora von CFS-Patienten entdeckt


Hoffnung für Menschen mit Chronischem Erschöpfungssyndrom: Mediziner haben weitere biologische Indikatoren für die rätselhafte Krankheit gefunden. In der Darmflora von CFS-Patienten entdeckten sie auffällige Veränderungen, gemeinsam mit anormal erhöhten Entzündungswerten im Blut. Das könnte künftig die Diagnose erleichtern und vielleicht sogar wertvolle Hinweise für die Ursachenforschung liefern.Das Chronische Erschöpfungssyndrom (CFS) ist mehr als nur Schlappheit: Patienten mit dieser Erkrankung leiden an immer wiederkehrender enormer Erschöpfung, Muskelschmerzen und Schlafstörungen. Oft sind ihre Symptome unspezifisch und ohne erkennbare Ursache – nach wie vor hält sich deshalb das Vorurteil, das Leiden sei rein psychologisch bedingt oder gar pure Einbildung.


(Quelle: Wiki)


Doch in letzter Zeit finden Forscher immer mehr Hinweise auf klare biologische Gründe für die Erkrankung. So entdeckten sie charakteristische Anomalien im Gehirn von CFS-Patienten und fanden jüngst auch eindeutige Veränderungen im Immunsystem der Betroffenen. Nun haben Wissenschaftler um Ludovic Giloteaux von der Cornell University weitere körperliche Marker ausgemacht: in der Darmflora der Patienten.

Verarmte Darmflora


Für ihre Studie analysierten und verglichen die Forscher Stuhl- und Blutproben von 48 CFS-Patienten sowie 39 gesunden Kontrollpersonen. Dafür sequenzierten sie bestimmte Regionen mikrobieller DNA, um die im Darm vorkommenden Bakterien zu identifizieren, und maßen zudem die Konzentration von fünf verschiedenen Entzündungsmarkern im Blut der Probanden.


Dabei fanden sie tatsächlich auffallende Veränderungen: Patienten, die unter dem Chronischen Erschöpfungssyndrom litten, hatten im Vergleich zu den gesunden Testpersonen eine deutlich verarmte Darmflora. In ihrem Mikrobiom tummelten sich viel weniger Arten – vor allem weniger von solchen, die als entzündungshemmend gelten. 

Diese Auffälligkeit kennen Mediziner auch bei entzündlichen Darmerkrankungen wie Morbus Crohn.

Im Blut der Patienten spürten die Forscher zudem erhöhte Werte für alle getesteten Entzündungsmarker auf, darunter das Lipopolysaccharid-bindende-Protein, ein an der Immunantwort gegen bestimmte Bakterien beteiligtes Enzym. Für die Forscher ist diese Beobachtung ein Hinweis darauf, dass bei den Patienten womöglich Bakterien durch eine undichte Darmschleimhaut ins Blut gelangen und dort eine Immunreaktion auslösen.


Ursache oder Folge?


Die neu entdeckten Auffälligkeiten könnten in Zukunft bei der Diagnose der rätselhaften Krankheit helfen, so die Wissenschaftler. Speisten sie die körperlichen Marker in ein Softwareprogramm ein, konnte dieses anhand von Blut- und Stuhlproben CFS-Patienten immerhin mit einer Trefferquote von knapp 83 Prozent erkennen.

Von der Diagnose zur Ursachenerkennung ist es jedoch noch ein weiter Weg: "Unsere Ergebnisse zeigen zwar, dass die Darmflora bei CFS gestört ist und widerlegen damit erneut die lächerliche These einer psychologischen Ursache der Erkrankung", sagt das Team.

Es sei aber unklar, ob das veränderte Mikrobiom eine Ursache der Krankheit sei oder lediglich eine Folge des Leidens.

Nichtsdestotrotz hegen Giloteaux und seine Kollegen die Hoffnung, dass eine Behandlung der aus dem Gleichgewicht geratenen Darmflora den Betroffenen helfen könnte: "Ernährungsumstellungen oder die Gabe von Probiotika könnten die Therapie womöglich unterstützen", schließen sie. (Microbiome, 2016; doi: 10.1186/s40168-016-0171-4)

Montag, 20. Juni 2016

Wie die Mikroben unsere Laune beeinflussen

Stimmungsmacher im Darm




Wie die Mikroben unsere Laune beeinflussen


Der Einfluss der Darmflora geht möglicherweise sogar weit über das rein Körperliche hinaus: Sie manipuliert sogar unsere Laune. Denn was viele nicht wissen: Die Bakterien in unserem Darm produzieren eine ganze Palette genau der Neurobotenstoffe, die bei uns Stimmung und Verhalten prägen. 

Dopamin "made by Microbes"


So stammen immerhin rund 50 Prozent des Glücks- und Suchthormons Dopamin nicht aus dem Gehirn, sondern aus unserem Darm. Dort produzieren diesen Botenstoff beispielweise der häufige Darmkeim Escherichia coli, aber auch Bakterien der Gattungen Bacillus, Proteus oder sogar der krankmachende Keim Staphylococcus aureus. "Die Konzentrationen von Dopamin in Kulturen dieser Bakterien sind zehn bis hundertfach höher als im menschlichen Blut", erklärt Carlo Maley von der University of California in San Francisco.

Der Botenstoff Dopamin aber spielt eine wichtige Rolle für unser Belohnungssystem und das Suchtverhalten. Er löst einerseits die Befriedigung und das Hochgefühl aus, wenn wir eine Droge konsumieren, aber auch wenn wir Schokolade, Junkfood oder salzige Snacks essen. Andererseits sorgt ein Dopaminmangel dafür, dass wir eine Gier nach mehr entwickeln.

Serotonin-Fabrik im Darm


Auch beim Glückshormon Serotonin mischen unsere mikrobiellen Mitbewohner mit: So produziert das Milchsäurebakterium Bacillis infantis beispielsweise den Serotonin-Vorläufer Tryptophan – den Stoff, der auch in der glücklichmachenden Schokolade steckt. Andere Mikroben regen Zellen in der Darmwand dazu an, Serotonin zu produzieren. Fehlen sie oder sinkt ihre Zahl, geht unser Serotoninspiegel zurück – und wir fühlen uns eher deprimiert. Das wiederum verführt uns leichter dazu, "Glücklichmacher" wir Schokolade oder andere Süßigkeiten zu essen.
Und auch unser Angstgefühl können die Darmmikroben manipulieren, wie Versuche mit Mäusen demonstrierten: Pflanzte man keimfreien Mäusen die Darmflora von besonders ängstlichen Tieren ein, wurden sie ebenfalls ängstlicher. Umgekehrt ließen sich ängstliche Tiere durch Mikroben-Verpflanzungen auch mutiger machen. Bestimmte Milchsäurebakterien wiederum dämpften die Ausschüttung von Stresshormonen und machten ihre Träger mutiger.

Manipulation durch Kolik?


Im Extremfall schrecken Bakterien unseres Verdauungstrakts auch vor Schmerzen nicht zurück – unseren versteht sich. So zeigen Studien, dass sogenannte Schreikinder, die in den ersten Monaten besonders viel weinen und oft unter Koliken leiden, ebenfalls typische Veränderungen ihrer Darmflora aufweisen. Proteobakterien kommen bei ihnen häufiger vor als bei nichtschreienden Säuglingen, dafür sind Bacteroidetes weniger zahlreich vertreten.

Maley und seine Kollegen mutmaßen daher, dass auch in diesen Koliken die manipulative Macht der Darmflora wirksam wird: "Das Schreien des Kindes hat Signalfunktion und bringt die Eltern dazu, sich vermehrt um das Kind zu kümmern und es mehr zu füttern", so die Forscher. "Damit aber erhöht die Kolik den Ressourcen-Nachschub in den Darm und damit den Zugang der Mikroben zu Nährstoffen."