Montag, 20. Juni 2016

Wie die Mikroben unsere Laune beeinflussen

Stimmungsmacher im Darm




Wie die Mikroben unsere Laune beeinflussen


Der Einfluss der Darmflora geht möglicherweise sogar weit über das rein Körperliche hinaus: Sie manipuliert sogar unsere Laune. Denn was viele nicht wissen: Die Bakterien in unserem Darm produzieren eine ganze Palette genau der Neurobotenstoffe, die bei uns Stimmung und Verhalten prägen. 

Dopamin "made by Microbes"


So stammen immerhin rund 50 Prozent des Glücks- und Suchthormons Dopamin nicht aus dem Gehirn, sondern aus unserem Darm. Dort produzieren diesen Botenstoff beispielweise der häufige Darmkeim Escherichia coli, aber auch Bakterien der Gattungen Bacillus, Proteus oder sogar der krankmachende Keim Staphylococcus aureus. "Die Konzentrationen von Dopamin in Kulturen dieser Bakterien sind zehn bis hundertfach höher als im menschlichen Blut", erklärt Carlo Maley von der University of California in San Francisco.

Der Botenstoff Dopamin aber spielt eine wichtige Rolle für unser Belohnungssystem und das Suchtverhalten. Er löst einerseits die Befriedigung und das Hochgefühl aus, wenn wir eine Droge konsumieren, aber auch wenn wir Schokolade, Junkfood oder salzige Snacks essen. Andererseits sorgt ein Dopaminmangel dafür, dass wir eine Gier nach mehr entwickeln.

Serotonin-Fabrik im Darm


Auch beim Glückshormon Serotonin mischen unsere mikrobiellen Mitbewohner mit: So produziert das Milchsäurebakterium Bacillis infantis beispielsweise den Serotonin-Vorläufer Tryptophan – den Stoff, der auch in der glücklichmachenden Schokolade steckt. Andere Mikroben regen Zellen in der Darmwand dazu an, Serotonin zu produzieren. Fehlen sie oder sinkt ihre Zahl, geht unser Serotoninspiegel zurück – und wir fühlen uns eher deprimiert. Das wiederum verführt uns leichter dazu, "Glücklichmacher" wir Schokolade oder andere Süßigkeiten zu essen.
Und auch unser Angstgefühl können die Darmmikroben manipulieren, wie Versuche mit Mäusen demonstrierten: Pflanzte man keimfreien Mäusen die Darmflora von besonders ängstlichen Tieren ein, wurden sie ebenfalls ängstlicher. Umgekehrt ließen sich ängstliche Tiere durch Mikroben-Verpflanzungen auch mutiger machen. Bestimmte Milchsäurebakterien wiederum dämpften die Ausschüttung von Stresshormonen und machten ihre Träger mutiger.

Manipulation durch Kolik?


Im Extremfall schrecken Bakterien unseres Verdauungstrakts auch vor Schmerzen nicht zurück – unseren versteht sich. So zeigen Studien, dass sogenannte Schreikinder, die in den ersten Monaten besonders viel weinen und oft unter Koliken leiden, ebenfalls typische Veränderungen ihrer Darmflora aufweisen. Proteobakterien kommen bei ihnen häufiger vor als bei nichtschreienden Säuglingen, dafür sind Bacteroidetes weniger zahlreich vertreten.

Maley und seine Kollegen mutmaßen daher, dass auch in diesen Koliken die manipulative Macht der Darmflora wirksam wird: "Das Schreien des Kindes hat Signalfunktion und bringt die Eltern dazu, sich vermehrt um das Kind zu kümmern und es mehr zu füttern", so die Forscher. "Damit aber erhöht die Kolik den Ressourcen-Nachschub in den Darm und damit den Zugang der Mikroben zu Nährstoffen."